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2011 errang der Film „Taste the waste“ von Valentin Thurn bei der Berlinale, dem weltweit größten Publikumsfilmfest, höchste Aufmerksamkeit. Wir sprachen mit dem Filmemacher über seine letzte große Dokumentation „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“, darüber, was Filme bewegen können und was jeder Einzelne von uns tun kann.

Herr Thurn, Ihre erfolgreichsten Dokumentarfilme beschäftigen sich mit dem Thema Ernährung. Was waren Ihre Beweggründe für die Dokumentationen?

Es sind vor allen Dingen ethische Fragen, die mich in den letzten Jahren sehr beschäftigen. Besonders die Lebensmittel-Verschwendung hat mich berührt – das Thema steht mit meiner Familiengeschichte in Verbindung. Meine Erziehung wurde beeinflusst von den Hunger-Erfahrungen meiner Mutter im Krieg. Später bin ich darauf gestoßen, dass unsere Gesellschaft große Mengen Lebensmittel wegwirft. Gerade erst habe ich wieder von einer Studie des WWF gelesen, dass schätzungsweise ein Drittel der deutschen Kartoffelernte auf dem Müll landet. Wir haben als erste das Thema der Lebensmittel-Verschwendung aufgegriffen, dazu recherchiert und 2011 den Film „Taste the waste“ gemacht. Wir sind keine Wissenschaftler, aber wir haben in die Müll-Container der Supermärkte geguckt. Heute wissen wir: Jede fünfte Einkaufstüte wandert auf den Müll. Das ist ein ethischer und ökologischer Skandal. Ich wollte verstehen, wie es dazu kommt. Schuld haben nicht nur einige wenige, nicht nur Erzeuger oder Handel. Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, an der wir Konsumenten mit unserem Verhalten direkt beteiligt sind.

Ihr Film „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ widmet sich in beeindruckender Weise der Frage, wie die Ernährung der Weltbevölkerung künftig gelingen kann. Sie haben Laborgärten und Fleischfabriken besucht, Biobauern und Nahrungsmittelbroker in der ganzen Welt getroffen. Was hat Sie persönlich am meisten beeindruckt, betroffen gemacht oder „schockiert“?

Wir wollten nicht zum wiederholten Male Ernährungsnot zeigen, sondern das große Problem der Welternährung von den Lösungen her denken. In den 100 Minuten der Dokumentation wollte ich alle – ob Saatgutindustrie oder Kleinbauer – zu Wort kommen lassen, damit der Zuschauer sich selber eine Meinung bilden kann. Die Lösung habe ich auch nicht. Ich weiß nur eines: Es gibt nicht die eine große Lösung, zum Beispiel mittels Gentechnik die Welternährung zu sichern. Das Problem lässt sich nicht durch rein naturwissenschaftliche oder technologische Ansätze lösen. Was hier diskutiert und erforscht wird, sind immer nur Lösungen für die reichen Länder. Die armen Länder verfügen nicht über genügend Kapital und Kaufkraft. Die haben aber billige Arbeitskräfte. Was die wenigsten wissen: Die Kleinbauern erzeugen pro Hektar Land mehr als die Großfarmen. Wenn wir nun unser in Europa so erfolgreiches agrarindustrielles Modell nach Afrika oder Asien exportieren, dann lösen wir nicht das Problem des Hungers, sondern wir verschlimmern es. Ob wir in Zukunft alle satt werden, ist daher ein ökonomisches und soziales Thema. Ich bin überzeugt davon, dass es viel kleine, lokale Lösungen geben muss.

Was glauben Sie, können Ihre Filme bewegen? Hat sich spürbar etwas bei Verbrauchern getan?

„Taste the waste“ ist eingeschlagen wie eine Bombe. Wir haben damals große Kochaktionen gestartet mit Gemüse, welches die Bauern aussortieren mussten, weil sie nicht den Supermarkt-Standards genügen. Dieses Prinzip wurde von vielen aufgegriffen. Heute findet kein Kirchentag oder andere Großveranstaltungen mehr statt ohne Aktionen wie „Schnibbel-Disco“ oder „Teller statt Tonne“, ein Projekt der Slow-Food-Bewegung. Die Menschen interessieren sich für das Thema: Der Film „10 Milliarden…“ war 2015 der Kino-Dokumentarfilm mit den meisten Zuschauern in Deutschland. Man muss sich aber fragen, warum die Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln verschwunden ist. Vielleicht weil die Entscheidungen über unser Essen weit weg von uns gefällt werden – irgendwo in Brüssel oder in Konzern-Zentralen. Das wollten wir ändern und Ernährung wieder näher zu den Menschen und in die Kommunen bringen. Daher haben wir den gemeinnützigen Verein Taste of Heimat e.V. gegründet. Derzeit versuchen wir in den Großstädten sogenannte „Ernährungsräte“ zu implementieren. Bürger und Erzeuger aus der Region sollen enger zusammenrücken, um die lokale Lebensmittelversorgung zu verbessern und die Zukunft unserer Landwirtschaft zu erhalten. Ein Dutzend Initiativen haben sich bereits gegründet.

Hat die Arbeit an den Filmen auch Ihr Ernährungsverhalten verändert?

Ja, ich habe zum Beispiel meinen Fleischkonsum stark reduziert. Der eigentliche Grund aber, warum ich kein Fleisch mehr kaufe, das aus der Massentierhaltung stammt, ist, dass diese zum Hunger in der Welt beiträgt. Um die Tiere zu ernähren, müssen große Mengen Soja importiert werden. Dafür werden Regenwälder abgeholzt, Kleinbauern vertrieben und das Klima geschädigt. Ich esse gerne Fleisch, gönne es mir aber nur noch ab und zu, wenn ich genau weiß, woher es stammt.

Was kann jeder Einzelne tun, damit auch folgende Generationen noch satt werden?

Es würde helfen, weniger Fleisch zu essen, sein Essen generell frisch zuzubereiten und sich mehr für die Herkunft seiner Nahrung zu interessieren. Sich selbst an den Herd zu stellen, ist weniger aufwändig, als man glaubt, und ist meines Erachtens auch bei einem hektischen Alltag, wie ich ihn oft habe, möglich. Die verarbeiteten Produkte aus der Nahrungsmittelindustrie enthalten in aller Regel zu viel Fett, zu viel Zucker und zu viel Salz. Kinder müssen den Geschmack von echtem Gemüse kennenlernen, um es genießen zu können. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Gesundheit, Wertschätzung und Genuss. Und das Schöne ist: Wenn Sie frisches Gemüse kochen, tun Sie nicht nur etwas für die Welternährung, sondern auch für sich selbst!

Herr Thurn, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!

Über den Experten: 

Valentin Thurn ist Diplom-Geograph, ausgebildeter Redakteur und seit 1990 Filmemacher für ARD, ZDF, ARTE und andere öffentlich-rechtliche Sender. Der Autor der erfolgreichen Kinodokumentationen „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ und „Taste the waste“ erhielt für seine Filme zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Thurn ist Gründer und Vorstandsmitglied des foodsharing e.V. und der Plattform „Taste of Heimat“, die regionale Lebensmittel zugänglicher machen will.

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